Überblick


Kobudo-Waffen des Yamanni-Ryu


Von den bekannten Kobudowaffen trainieren wir intensiv mit dem Langstock »Bo« und den Sai. Andere Kobudowaffen wie Tonfa, Nunchaku oder Kama werden bei uns im Dojounterricht nicht gelehrt, da ihr direkter Nutzen für die Bewegungsdynamik und auch für das waffenlose Karate nicht so groß ist. Der Bo ist die Hauptwaffe des Kobudo und kaum ein okinawischer Meister trainierte früher neben dem Karate nicht auch noch den Umgang mit dem Bo. Entsprechend sind für den Bo noch die alten Kata überliefert, während dies für die anderen Kobudowaffen nicht der Fall ist. Die Kata der anderen Kobudowaffen sind im Vergleich zu Bokata eher neueren Datums. Diese Erkenntnis bekräftigt die Bedeutung, die früher bereits speziell dem Bo zugemessen wurde. Der Anspruch, den der dynamische Umgang mit einem eher starren Gegenstand wie dem Bo an uns stellt, ist im Yamanni-Ryu sehr hoch. Das Yamanni-Ryu ist wohl einer der ältesten Kobudostile Okinawas, welcher von Shihan Toshihiro Oshiro noch in seiner Reinform vermittelt wird. Zeitweilig galt das Yamanni-Ryu als ausgestorben. Dies war ein Irrtum. Es wurde öffentlich lediglich eine Zeit lang nicht gezeigt.

Durch das sehr eng am Körper stattfindende Bohandling, wird der eigene Körper geschützt und der seitliche Bewegungsradius möglichst klein gehalten. Die Regel des Yamanni-Ryu, dass der eigene Körper dem Bo auf seinen engen Bahnen nie im Weg stehen darf erfordert die Entwicklung eines sehr geschmeidigen Körpers. Wie tiefgreifend sich dieser Grundsatz auf die Körpermotorik auswirkt, erkennt man schnell, wenn man mit dem Üben beginnt. Der starre Bo wird sich mit der Zeit mehr und mehr leicht und flexibel anfühlen. Seine Bewegung wird, ohne ausschweifende Armbewegungen zu benutzen, durch den eigenen Körper angetrieben.

Historisch betrachtet, ist es trotz der landwirtschaftlichen Anmutung der Kobudowaffen sehr unwahrscheinlich, dass die tatsächlich landwirtschaftlich tätige Bevölkerung Zeit, Geld und Muße hatte, sich neben der harten Arbeit auch noch in den Kampfkünsten zu üben. Aussagen in Karatebüchern, wonach sich wehrhafte Bauernarmeen aufgetan haben, um feindlich gesinnte  Samurai zu bekämpfen, sind mit großer Sicherheit falsch. Die Sai hatten als Werkzeug im landwirtschaftlichen Bereich überhaupt keine Verwendung. Sehr wahrscheinlich kamen sie von China nach Okinawa, nachdem  sie in China bereits längere Zeit als Waffe eingesetzt wurden.

Das Yamanni-Ryu geht auf Chinen Pechin zurück, dessen Nachfolge Sanda Chinen antrat. Chinen Pechin selbst war Schüler der Karatelegende Tode (Satunushi) Sakugawa. Sakugawa lernte Karate beim ebenso legendären Kusanku (etwa 1800) und studierte Bojutsu in China. So ist es nicht verwunderlich, dass bereits Sakugawa Karate- Yamanni Ryu - Bo (Lehrgang mit Shihan Oshiro in Aschersleben)und Botechnik in Zusammenhang miteinander brachte. Direkt auf Kusanku (auch Kwanku oder Kushanku genannt) geht die wohl bedeutenste Kata des Shorn-Ryu Karate zurück, nämlich die Kushanku (Kanku-Dai im Shotokan).
Jüngster direkter Stilerbe im Familienstammbaum des Yamanni-Ryu war Masami Chinen (1898-1976), Sohn von Sanda Chinen (1846 - 1928). Sanda Chinen wird die Entwicklung der im Kobudo sehr bekannten »Shuji (oder Suuji bzw. Shushi) no Kun« Kata zugeschrieben. Zum Namen »Yamanni, Yamani oder auch Yamane« kam der Stil, da Masami Chinen diesen in Anerkennung der Leistungen seines Vaters so benannte. Sein Vater, Masami Chinen war nämlich auch als Yamane Tanmei bzw. Yamani Usemei bekannt. Nach dem Tod Masami Chinens haben seine beiden Schüler Higa Seitoku and Kishaba Chogi das Yamanni-Ryu weiterhin gelehrt. Über Kishaba Sensei ist auch Shihan Toshihiro Oshiro zum Yamanni-Ryu gekommen.

Auch in den bekannten Shorin Karate-Stil Matsubayashi-Ryu fand das Yamanni-Ryu eine zeitweilige Einkehr. Begründer des Matsubayashi-Ryu ist der bekannte Buchautor Shoshin Nagamine. Kyan Shinei war ein sehr guter Freund Nagamines und von Anfang an ebenfalls im Matsubayashi-Ryu involviert. Kyan ist ein direkter Schüler von Oshiro Chojo (1887 - 1935) gewesen. Oshiro Chojo war wiederum Schüler der Yamanni-Ryu Legende Chinen Sanda. Im Matsubayashi-Ryu konzentrierten sich die Schüler und Lehrer jedoch offenbar eher auf das Karate während das Kobudo sehr in den Hintergrund gerückt wurde.


Besonderheit der Waffen des Yamanni-Ryu - Anpassung der Waffen an den Körper

Bo und Sai sind dem Körper des Lernenden angepasst um die sehr fließende Bewegungsdynamik verwirklichen zu können, die das Yamanni-Ryu ausmacht. Die Beschaffenheit der Kobudowaffen soll dazu brauchbar sein, die eigene Körperdynamik und Motorik effektiv zu schulen und so auch weitere Fortschritte im Karate ermöglichen. Die im Yamanni-Ryu verwendeten Bo sind unkonisch (haben also einen gleichbleibenden Durchmesser), denn es heißt »der Bo soBo- Kurz vor Schlag. Die tatsächliche Länge des Bo ist kaum zu erkennenll zwischen den Händen leben«. Welches Ende des Bo länger und welches kürzer gehalten wird, wird dazu je nach den Erfordernissen der Situation verändert. Die Hände passen die eingesetzte Bolänge der jeweiligen Technik sowie der Distanz zum Gegner fliessend an. Das lange Ende des Bo wird »in den Kampf« geschickt, so dass man den eigenen Körper weiter hinten halten kann. Hier besteht eine Analogie zur Haltung eines Schwertes. Der Bo wird also nicht permanent durch die Handhaltung in drei gleichlange Teile gedrittelt, wie es bei Kobudostilen der Fall ist, die konische Bo verwenden. Konische Bo sind in der Mitte am dicksten und werden zu den Enden hin schlanker.

In der für das Yamanni-Ryu typischen Kamaehaltung (Bereitschaftshaltung) kann der Bo für eine vor uns stehende Person gänzlich verborgen gehalten werden. Ein wesentliches Prinzip des Yamanni-Ryu ist, dass kein Schlag in einer Art eingerasteten Endphase endet, sondern der Bo wird sofort wieder einsatzbereit für eine Folgetechnik zurückgezogen oder weiter geführt. So hat man auch bei einem geglückten Block des Gegners sofort wieder neue Möglichkeiten den Angriff fliessend fort zu führen.

Durch den Umgang mit dem Bo wird nicht nur die Entwicklung einer besonders flinken und weichen Beinarbeit unterstützt, auch die Faustform des Karate wird positiv beeinflußt. Ein sehr flexibler Körper entwickelt sich, wenn man den starren Bo zu beherrschen lernt. Als Nebeneffekt kann man sagen, durch das Waffentraining wurde zusätzlich eine Art "Gerätetraining" für die Ausbildung und Kräftigung des allgemeinen Muskelapparates geschaffen. Auch die Greifmuskulatur oder »Fingerkraft« wird gestärkt.

Die Sai des Yamanni-Ryu sind nicht so massiv wie in anderen Kobudostilen üblich. Massive Sai, wie sie heute als »Standardausführung« in den Geschäften erhältlich sind, wurden früher vermutlich eher für das sogenannte »Hoju-Undo« (Krafttrainig) verwendet, jedoch weniger für die Vorbereitung auf die Bewegung des Kampfes. Im Kampf sollten sie leicht zu verbergen und blitzschnell einzusetzen sein. Die Sai sind also leicht und schlank gehalten, was einen sehr dynamischen und flexiblen Umgang mit diesen Waffen erlaubt, ohne dem eigenen Körper zu schaden. So kann man durch Saitraining kräftige und flinke Handgelenke und Arme entwickeln. Die Flexibitlität und die daraus nutzbare Kraft der Handgelenke und Unterarme wird verstärkt. Sai - leicht zu verbergenSaitraining wirkt sich also positiv auf die Effektivität von Schlag- und Blocktechniken des Karate aus. So können auch bei kurzen Wegen der Arme kräftige Blocks erfolgen. Eine Überreizung von Gelenken und Muskeln tritt beim Umgang mit diesen Sai somit trotz dynamischer Bewegungsart nicht auf.

Sai können sehr gut versteckt gehalten werden. Aus der versteckten Haltung können die Sai dann blitzschnell eingesetzt und wieder zurückgezogen werden. Die okinawischen Meister schätzten besonders diese nützliche Eigenschaft der Sai. Die Techniken der Sai-Kata zeigen, wie die Sai unsere Arme und Fäuste verstärken, schützen oder verlängern können. Ursprünglich waren Sai teilweise mit spitzen Enden versehen und wurden auch zum Werfen benutzt, um den Gegner noch aus sicherer Entfernung verletzen oder abschrecken zu können. Auch die Kata enthalten Wurftechniken. Besonders, wenn sich ein besser bewaffneter Gegner näherte, war sicherlich jede Chance willkommen, den Kampf frühzeitig entscheiden oder abwenden zu können. Daher rührt auch der Brauch, drei Sai mit sich zu tragen. So hatte man für jede Hand noch ein Sai, nachdem man eines bereits geworfen hatte.

In die Kata eingebettetes Bunkai

Die Kata des Yamanni-Ryu bestehen zum grossen Teil aus Bewegungen, die man mit den entsprechenden Waffen, aber ebenso unbewaffnet ausführen kann. Kata sind so aufgebaut, dass Sai oder Bo automatisch auch als »gegnerische Waffen« oder »Gegner« fungieren. Sie kommen auf uns zu und unser Körper muss sich beim Vorgehen entsprechend anpassen, um nicht getroffen zu werden. Beispiel ist die Spitze der zurückkommenden Saigabel bei Ausführung von Zuki mit Sai im Vorwärtsgehen. Die Spitze wird nicht um den Körper herum geführt, sondern der Körper muss schmal vorbewegt werden. Dies fördert das Bewusstsein für Körperkontrolle hinsichtlich Seichusen und Enbusen auch der waffenlosen Karatekata. Ein flexibler Körper soll entwickelt werden, insbesondere eine spezielle Fähigkeit zur Wahrnehmung, Kontrolle, Trennung und getrennten Ansteuerung der Körperhälften und Körperteile. Der Körper soll lernen, nur das zu bewegen, was bewegt werden muß und keine vorzeitigen oder überflüssigen Bewegungen auszuführen. Ein Gegner soll überrascht werden, indem man durch keinerlei überflüssige Anzeichen zeigt, was man tut oder tun will. Die wichtigen Bewegungen sollen verborgen werden, z.B. hinter anderen Bewegungen. Dies wiederum sind grundlegende Fertigkeiten für die Ausübung eines effektiven Karate. Manche Techniken sehen den eigenen Bo auch als Gegner an, den man sich hilfsweise auch als "länglichen Gegenstand" vorstellen kann. Es ist sehr wichtig, dass die Kraft, die den Bo bewegt, nicht größtenteils aus den Armen kommt. Analog kann man einen Gegner nicht einfach aus der eigenen Armkraft heraus werfen. Am Weg und am Geräusch des bewegten Bo kann man Rückschlüsse auf die eigene Körperarbeit führen. Auch im Karate will man möglichst viel Kraft aus der gesamten Körpermotorik schöpfen und nicht lediglich aus den Armen und Beinen. Das Training mit Bo und Sai hat einen hohen Stellenwert bei vielen alten okinawischen Meistern genossen.


Yamanni Ryu und das Schwert

Die folgenden Bewegungsfolgen mit Sai und Schwert sollen die Ähnlichkeiten der Bewegung zwischen Yamanni Ryu und dem japanischen Schwertkampf etwas verdeutlichen. Auch beim Yamanni-Ryu versucht man hörbar mit Bo oder Sai »die Luft zu schneiden«. Neben den offensichtlichen Zusammenhängen wie Technikablauf und Hikite (Prinzip der zur Hüfte zurückgehenden Hand) gibt es noch viele weitere und feinere Gemeinsamkeiten. Die Bildreihen sind jeweils von links nach rechts zu lesen.


Angriffskombination aus seitlichem »Schnitt«, welcher in einen vertikalen »Schnitt« übergeht



Abwehr oder auch Angriff zur unteren Stufe

 

 

 


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