Überblick


Okinawa — Schmiede des Karate

Es begann auf Okinawa

»Oki« hat die Bedeutung »Meer« und »Nawa« kann mit »Band« über­setzt werden. Ein Band ist lang und schmal. Genau so ist auch die Insel­­gruppe um die Hauptinsel Okinawa geformt, die wie eine Perlenkette zwischen Japan und China im Pazifik aufgereiht ist. Die Breite Okinawas beträgt zwischen 5 und 25Km während die Länge etwa 100Km entspricht. Die Inseln reichen von Kyushu bis nach Taiwan und trennen an dieser Stelle den Pazifik vom Ostchinesischen Meer. Okinawa pflegte bereits Handelsbeziehungen mit China, bevor es auch mit Japan anbandelte. China ist der Geburtsort der Kung-Fu oder Wushu Kampfstile. Mit China wurden sehr intensive Beziehungen gepflegt und es siedelten Chinesen auch dauerhaft nach Okinawa über. Hier sind insbesondere die sogenannten »36 Familien« bekannt. Diese Chinesen sollten ihre Kultur und damit einhergehend auch chinesische Kampfkunst mit nach Okinawa bringen. Den »36 Familien« haben die chinesischen Kampfkünstler vermutlich angehört, auf die wir uns bei den karatehistorisch bedeutsamsten Namen, wie Chatan Yara oder Kushanku beziehen. Zum Schutz vor den immer drohenden Angriffen durch Piraten (Waka), mußte zu den Schiffsbesatzungen auch immer in der Kampfkunst ausgebildetes Personal gehören. Auf Okinawa began das heute überall bekannte Karate etwa ab dem 17. Jahrhundert seine Gestalt anzunehmen. Es bildeten sich die drei nahegelegenen Städte Shuri, Tomari und Naha als Entwicklungszentren des Karate und Kobudo heraus. Unsere Karaterichtung hat ihre Wurzeln in Shuri und Tomari (siehe weiter unten, Shorin- und Shorei-Ryu). Durch den Einfluß chinesischer Kampfkünste und unter Einbeziehung von bereits bekannten und erprobten Prinzipien aus dem japanischen Schwertkampf und einer bereits bestehenden waffenlosen Kampfkunst, fand die Entwicklung der Kampfkunst statt, aus der später im 20. Jhdt viele neuere Stilrichtungen sprossen. Die Entwicklung effektiver Schlagtechniken gipfelte besonders für das Karate aus Shuri im grundlegenden Prinzip, einen Kreis durch eine gerade Linie zu erzeugen. Dieses sehr grundlegende Prinzip ist in den moderneren Stilrichtungen oftmals in Vergessenheit geraten. Analog zu einem Schwerthieb, wo die Hände eher auf einer geraden Linie bewegt werden, die Schwertspitze jedoch die maximale Energie auf einer Kreisbahn aufnimmt. So ergänzen sich die kürzeste Verbindung (gerade Linie) mit maximaler Energieerzeugung (Bogen) zu einem fast in Vergessenheit geratenen wesentlichen Grundprinzip des traditionellen Karate.
Selbst die Namen der Kata des modernen Karate zeigen uns den Einfluß chinesischer Kampfkünstler. Es sind Namen wie Chinto (moderner Name Gangaku), Kushanku (Kanku), Wanshu (Enpi). Die chinesischen Kampfkünste hatten, als das Karate in den Kinderschuhen steckte, auch den waffenlosen Kampf bereits sehr weit entwickelt. Das chinesische Schriftzeichen für »Wu« (von Wu Shu, japanisch »Bu«) bedeutet soviel wie »stoppe Waffen (Lanzen)« in einer weiteren Bedeutung, einen Kampf direkt zu beenden oder abwenden zu können. Viele chinesische Lehrer bekräftigen mit dieser Erklärung auch einen »pazifistischen« Charakter ihrer Kampfkunst. So ist es demnach das Grundziel einer Kampfkunst, den physischen Kampf zu vermeiden oder aber bereits im Keim zu ersticken. So kann man es auch als Grundidee des traditionellen Karate betrachten, dass ein für beide Seiten gefährlicher Kampf  sofort beendet werden, oder besser noch, gänzlich vermieden werden soll. Der Oberbegriff für chinesische Kampf­künste  »Wu Shu« ist relativ modern und wird in China oftmals lediglich mit Bezug auf die modernen und aus den klassischen Kampfstilen abgeleiteten Kampf­sport­arten gebraucht. In nicht so sehr staatlich beeinflussten Gefilden wie Taiwan wird eher von Gong Fu oder Quan Fa gesprochen. Gong Fu bedeutet »Zeit, Energie« und »Arbeit« und beschreibt den Umstand, dass viel Zeit und Mühe investiert werden muß, um ein körperliches und geistiges Verständnis für die Techniken, Prinzipien und der Motorik der Kampfkünste zu erlangen. Quan Fa kann man als die »Methode der Faust« oder einfach Fausttechnik übersetzen. Während sich Gong Fu nicht allein auf das Meistern der Techniken der Kampfkünste bezieht, so ist der Begriff Quan Fa nur für diese reserviert. Nach Japan importierte Quan Fa Stile finden sich dort unter dem Sammelbegriff »Kempo« wieder.



Waffenverbote verantwortlich für die Entwicklung des Okinawa-Te (Karate)?

Viele nationale und internationale Buchautoren berichten seit etwa der 60er Jahre in ihren Darlegungen der Geschichte des Karate über die Eroberung Okinawas durch Samurai, brutale folgende Jahrhunderte und ein oder zwei über Okinawa verhängte Waffenverbote. Diese Waffenverbote, insbesondere das letztere der beiden wird idR. für die Entwicklung des Karate verantwortlich gemacht. Einige okinawische Meister schrieben in ihren Büchern über die oben genannten Ereignisse und folgende Generationen von Autoren haben diese Schilderungen direkt oder nach Belieben noch etwas ausgeschmückter übernommen. Tiefergehende Prüfung auf Kausalität wurde meist nicht unternommen oder war tatsächlich nicht möglich. Mittlerweile sind alte Dokumente und Ergebnisse empirischer Nachforschungen zu diesem Thema verfügbar. Schlußfolgernd steht die Erkenntnis da, dass die Waffenverbote offensichtlich keine wirklichen Verbote waren, und die Zeit Okinawas unter der Herrschaft der Samurai auch nicht derartig schwierig gewesen ist. Nachfolgend meine Version der Geschichte, die sich aus weiter unten genannten Quellen und Gesprächen mit anderen Karateka ergeben hat, welche sich ebenfalls intensiv und neutral mit diesem Thema beschäftigt haben.

Mehr zu diesem Thema gibt es auch  HIER auf der offiziellen Seite des RBKD-Germany, welcher sich u.a. der Erforschung der Entwicklung des Karate hingibt.

Die gebräuchlichsten Waffen der Krieger Okinawas zur Zeit der ersten Sho-Dynastie (1409-1469) waren das Schwert und der Speer. Bis zu dieser Zeit waren die Okinawa zugehörigen Inseln ständig in Kleinkriege und Fehden verwickelt. Der Umgang mit dem Kampf hat sich also prägend auf die Kultur ausgewirkt. Seit etwa dem 7. Jhdt entwickelte sich auf Okinawa mit der Te genannten Kampfkunst bereits eine native Form des Zweikampfes.  Viele Autoren schreiben, Te sei ein unterentwickelterer Vorläufer des Tode gewesen. Dies hat sich mittlerweile als falsch erwiesen. Das Te ist mit den Kobudowaffen und auch dem Schwert technisch verknüpft worden.  Das Te zeichnet sich im Gegensatz zum Tode durch weitläufige, kreisende Bewegungen aus während das Tode eher die direkte Linie sucht. Besonders die Motobu Familie hat zuletzt mit dem 1926 verstorbenen Famlienerben Motobu Choyu die Kunst des Te bewahrt. Nach Choyuns Tot hat Uehara Seikichi den Stil fortgeführt und etwa 1945 » Motobu-Ryu« benannt. Man sieht Bewegungsprinzipien des Te in verschiedenen okinawischen Tänzen enthalten. Hieran läßt sich die tiefe Verwurzelung des Te in die okinawischen Kultur erkennen. Prinzipien der Bewegungsart der Kampfkunst derart in die eigene Kultur aufzunehmen, dass sich fast jeder bewusst oder unbewusst damit beschäftigt, ist eine sehr originelle Idee. Wer sich so später für den Weg der Kampfkunst entschied, war bereits in gewisser Weise vorbereitet. Der bewaffnete Kampf wurde natürlich besonders ausgefeilt und Prinzipien anhand der Er­fah­run­gen auf Kriegsschauplätzen und Stammesfehden verfeinert. Die zweite Sho-Dynastie dauerte von 1470-1879. Zur Zeit dieser zweiten Sho-Dynastie geschahen die beiden Ereignisse, die später irrtümlich zu den beiden strikten Waffenverboten aufgebauscht wurden, aus denen letztlich das Karate hervorgegangen sein soll.

Das erste, sogenannte »Waffenverbot«, ereignete sich zur Sho-Shin Zeit (1477-1526). Es handelte sich jedoch viel eher um eine Maßnahme der zentralen Regierung unter König Sho Hashi und galt der Beseitigung des historich bedingten »Drangs zu kämpfen« und zur Festigung eines friedvollen Lebens der 3 Königreiche Chuzan, Nanzan und Hokuzan miteinander. Zuvor waren diese drei gesplitteten Königreiche der Ryu Kyu Inseln mit­einander zerstritten und bekriegten sich immer wieder. Sho Hashi gelang die Vereinigung der drei Königreiche. Es handelte sich bei König Sho Hashis Erlass um eine Umsiedlung der verstreut angesiedelten Krieger Ryu Kyus in das Gebiet des Königssitzes (Schloss Shuri) hinein und um eine Einsammlung der bis dahin unkontrolliert über die ganze Insel verstreut gehaltenen Kriegswaffen (Speere und Schwerter). Diese Waffen wurden an einem sicheren Ort, vermutlich im Schloß Shuri, verwahrt und hätten bei Bedarf einer Bewaffnung der Bevölkerung wieder ausgegeben werden können. Das Schloß Shuri befindet sich nahe der Hafenstadt Naha. Diese wurde immer wieder durch Piraten (Waka) angegriffen und war eine strategisch wichtiger Ort. Die offizielle Armee und die Sicherheitsorgane des Königs konnten sich natürlich weiterhin frei im Waffentraining üben und besaßen Waffen. Auch war es auf Okinawa Brauch, ein Familienschwert zu besitzen. Diese Familienschwerter wurden den Okinawern erst von den amerikanischen Besatzern nach dem zweiten Weltkrieg entwendet. Geschichten in Karatebüchern, dass ein Dorf während der Samuraiherrschaft lediglich ein bewachtes oder angekettetes Messer benutzen durfte, sind also vermutlich Ergebnisse blühender Fantasie.

Ein zweites Mal wurde vielen Schilderungen zur Folge, nach der erfolgreichen Invasion der aus Satsuma stammenden Shimazu-Samurai, durch diese ein strikteres Waffenverbot verhangen und dessen Einhaltung überwacht. Zudem soll eine lange Zeit der brutalen Herrschaft über die okinawische Bevölkerung hereingebrochen sein, welche diese veranlasste, sich insgeheim zu organisieren und die unbewaffnete Kampfkunst Karate zu entwickeln sowie landwirtschaftliche Gegenstände in Waffen zu verwandeln.
Der Konflikt Okinawas mit Japan und speziell den Samurai aus Satsuma ereignete sich zur Sho-Shitsu Zeit (1648-1668). Etwa 1440 begann Okinawa freundschaftliche Handelsbeziehungen zu Japan zu pflegen, welche historischen Schriften folgend mit einem Geschenk Okinawas an Japan in Form von Goldmünzen begann. Zu dieser Zeit waren in Japan hauptsächlich Kupfermünzen üblich und Goldstaub mußte aus China bezogen werden. Daher war dieses Geschenk herzlich willkommen. Zur japanischen Provinz Satsuma pflegte Okinawa in der Folgezeit besondere Beziehungen. Zu Anfang des 17. Jhdt verschärften sich die Beziehungen zwischen Japan und China und bewaffnete Konflikte kündigten sich an. Ein Minister (Jana) des damaligen okinawischen Königs, wollte unbedingt die seit Jahrhunderten bestehenden, guten Beziehungen zu China aufrecht erhalten. Jana brachte den König dazu, den Kontakt zu Japan abzubrechen.
Der Fürst der Samurai aus Satsuma (Shimadzu Iyehisa) schickte daraufhin verwundert einen Gesandten nach Okinawa, um in Erfahrung zu bringen, was vor sich geht. Minister Jana wiederrum war es, der die Gesandschaft aus Satsuma, ohne eine Erklärung abzugeben, mit deutlicher Respektlosigkeit zurückwies.
Daraufhin machte der japanische Shogun den Samurai aus Satsuma alle Wege frei, sich die Herrschaft über Okinawa erobern zu können. Der Einmarsch der Samurai geschah im Jahr 1609. Nach siegreicher Beendigung der Kämpfe verhafteten die Satsuma Samurai den okinawischen König sowie Minister Jana und eine weitere Person und brachten sie für eine kurze Zeit nach Satsuma. Dort wurde vertraglich geregelt, dass Okinawa von nun an unter die Herrschaft der Satsuma fällt und keine eigenen Wege mehr ohne Erlaubnis gehen kann. Minister Jana war der einzige, der es wagte, diesen unangenehmen Vertrag nicht zu unterschreiben. Daraufhin soll er geköpft worden sein.
Shoshin Nagamine (Matsubayashi Shorin Ryu) spricht in einem Interview von grosser Brutalität der Samurai den okinawischen Einwohnern gegenüber. Diese Brutalität wurde aber offenbar nur während des Einmarsches der Samurai gegen die sich wehrende okinawische Armee angewendet und an Minister Jana, als er sich weigerte, den »Verlierervertrag« zu unterzeichnen. 
Der Kampfstil der Shimazu Samurai nennt sich »Jigen-Ryu«. Besonderes Merkmal des Stils ist das Augenmerk auf die Beendigung des Kampfes mit einem Hieb. Die Samurai entwickelten einen sehr speziellen Schwerthieb, den sie »Flammenwolke« nannten. Dieser Hieb war Grundlage des Trainings und wurde auf Wucht und Schnelligkeit perfektioniert, so dass es kaum mehr möglich war, ihn abzuwehren. Gegnerischen Samurai soll beim Versuch, den Schwerthieb der Satsuma zu blocken, das eigene Schwert tief in die Haut gedrückt worden sein. Selbst ein Versuch auszuweichen war schwierig, denn das Schwert des Samurai schoss wie ein Blitz aus dem Himmel nach unten aus der ge­ho­benen Haltung mit der Schwertspitze in Richtung Himmel. Okinawische Meister wie Sokon Matsumura (siehe unten) hatten später im 19. Jhdt die Erlaubnis, eben diesen Schwertkampfstil in Satsuma  lernen und perfektionieren zu dürfen. Auch Gichin Funakoshis Lehrer, Anko Asato übte sich im selben Umgang mit dem Samuraischwert. Dies sind Tatsachen, die an einer fortlaufenden Schreckensherrschaft der  Shimazu-Samurai zweifeln lassen. Das Prinzip des »Tötens mit einem Schlag — Ikken Hisatsu« pflanzte sich auch in das okinawisches Karate fort. Matsumura zeigt sich entscheidend für die Entwicklung des Shuri-Te Stils verantwortlich, welcher wiederrum Grundlage für sehr viele moderne Karatestile ist.

Es ist eine Ausgabe des Phoenix-Magazins von 1873 durch das Karatemuseum auf Hawaii veröffentlicht worden. Darin befindet sich ein detailiierter Bericht des Herausgebers des Magazins (James Summers), einem londoner The Phoenix - 1873Professor für chinesische Sprache über die Geschichte Okinawas, insbesondere über die Zeit um den Konflikt mit Japan im Jahre 1609 herum. Dieser Artikel ist einerseits eine neutralerQuelle, andererseits vor der Massenverbreitung des Karate und Entstehung damit verbundener Geschichten verfasst. Es wird der oben beschriebene Sachverhalt  bekräftigt und es findet sich kein Wort über Waffenverbote oder einer Schreckensherrschaft durch die Samurai. Weitergehend gibt der Artikel einen Bericht von dem Japaner Tomioka Shiuko wieder, der diesen etwa 1850 abgab. Hier werden die Okinawer als sehr gute Bogenschützen zu Pferde und als gute Scharfschützen mit dem Luntenschussgewehr (Muskete) beschrieben. Dies ist ein Beweis, dass gewiss kein Waffenverbot bestand. Außerdem heißt es, die Okinawer haben besondere Fähigkeiten im »Boxen«, so dass ein gut trainierter Kämpfer Wasserkrüge zerschlagen oder einen Menschen mit einem einzigen Schlag töten kann. Also ist auch von einer Geheimhaltung der Kampfkunst und ihres Potentials hier keine Spur zu finden - im Gegenteil!
Die Zeit der »Bevormundung« Okinawas durch die Samurai endete 1875 und Okinawa wurde als offizieller Teil Japans anerkannt.


Drei Städte auf Okinawa  -
Shuri, Naha und Tomari

Es entwickelten sich nach 1609 insgesamt 3 recht eng aneinander liegenden Hauptzentren der Praxis und Entwicklung der einheimischen Kampfkunst. Dies sind die nahe gelegenen Orte Shuri, Tomari und die Naha, welche alle im Gebiet von Naha liegen. Tomari ist der Ort, wo auch der Hafen Okinawas liegt. Shuri beherbergt den Sitz der Könige mit dem Schloss Shuri. Man kann eine mehr oder weniger große unterschiedliche Gewichtung bestimmter Prinzipien und Techniken der Lehrer des Tode (Karate) aus Shuri, Tomari und Naha erkennen. Entsprechend wird auch von Shuri-Te, Tomari-Te und Naha-Te gesprochen. Die Stile Shuri-Te und Tomari-Te ähneln einander sehr und ergeben das Shorin-Ryu. Das Naha-Te entspricht dem Shorei-Ryu. Es gibt keine Hinweise darauf, dass die okinawischen Kampfkünstler Wert auf eine Abgrenzung ihrer Stile legten. Vielmehr scheinen sie einen regen Austausch untereinander gepflegt zu haben. Im frühen 20. Jahrhundert wurde eine grobe Einteilung mit den Begriffen Shorin-Ryu und Shorei-Ryu geschaffen. Auf diesen Richtungen basierend, sprossen hunderte neuerer Stilrichtungen im 20. Jahrhundert hervor. Bekanntester Stil des Shorei-Ryu ist das Goju-Ryu.


Shuri-Te

Das Shuri-Te wurde von Sokon Matsumura(ca 1809-1898), dem bekanntesten Schüler von »Tode« Sakugawa (Sakugawa Satanushi ca 1733-1815) zur endgültigen Form gebracht. Sakugawa selbst studierte die Kampfkunst bei Okinawa erreichenden chinesischen Kampfkünstlern wie Kushanku aber auch direkt in China. Man nimmt an, dass Kushanku um 1755 Okinawa erreichte. Aus China kehrte er nach längerem Aufenthalt dann dauerhaft nach Shuri (Okinawa) zurück. Er lehrte Matsumura auch die Kunst des Langstocks (Bo). Shoshin Nagamine (Gründer Matsubayashi Shorin Ryu und Buchautor) bekräftigt, dass man Sakugawas Namen den Zusatz »Tode« in Anerkennung seines beispiellosen Wissens und der Meisterschaft der waffenlosen chinesischen Kampfkunst gewährte. »Te« oder »De« bedeutete Shihan Oshiro zur Folge damals nicht »Hand« sondern vielmehr »Technik«. »To« bezeichnet alles, was aus China kommt. Matsumura diente den  letzten drei Königen Okinawas als Leibwächter. Er hatte ebenfalls wie Sakugawa die Möglichkeit, mit chinesischen Kampfkünstlern zu trainieren und soll auch einen Shaolin Tempel besucht haben. Zudem übte er sich im Schwertkampf Jigen-Ryu und besuchte hierzu auch den Ort Satsuma in Japan. Zu seinen Schülern zählen bekannte Meister wie Anko Itosu (1832-1916) und Anko Asato. Diese wiederrum zählt Gichin Funakoshi zu seinen wichtigsten Lehrern. Funakoshi selbst studierte auch noch eine Zeit lang bei Matsumura. Bereits Matsumura hat ein Schriftstück zu Hintergründen der Kampfkunst hinterlassen, welches sich u.a. auf die anzustrebenden Tugenden eines Studenten der Kampfkunst bezieht und durch Anko Itosu und Gichin Funakoshi (siehe "Funakoshis Nijukun") für eigene Regelwerke aufgegriffen wurde.


Tomari-Te

Das Tomari-Te wird heute kaum als wirklich eigenständiger Stil gelehrt und einige seiner typischen Techniken und Kata sind mit dem Shuri-Te in die Stile des Shorin-Ryu eingeflossen. Shuri- und Tomari-Te glichen sich bereits vor der Zusammenlegung in die Schule der Shorin-Stile einander sehr. Bekanntester Meister des Tomari-Te war Kosaku Matsumora (ca 1830-1898), nicht zu verwechseln mit dem oben beschriebenen Sokon Matsumura. Auch bei Matsumora geht man davon aus, dass er intensiv bei einem chinesischen Kampfkünstler studiert hat, welcher eine Zeit lang auf Okinawa lebte.


Shima-Ha, Shorin-Ryu, Tode, Te, Karate...was denn nun

Tode bedeutet soviel wie »China Hand« oder freier übersetzt »Technik, die aus China stammt« und deutet auf den großen chinesischen Einfluß, den die chinesischen Kampfkünste auf dessen Entwicklung etwa ab dem 17. Jhdt hatten. Das Te ist dagegen eine native okinawische Kampfkunst, die sich viel früher und später dann paralell zum Tode entwickelte. Vermutlich wurde das Te bereits ab dem 7. Jhdt entwickelt. Man sieht Bewegungsprinzipien des Te sogar in verschiedenen okinawischen Volkstänzen enthalten. Hieran läßt sich die tiefe Verwurzelung des Te innerhalb der okinawischen Kultur erkennen. Prinzipien der Bewegungsart der Kampfkunst derart in die eigene Kultur aufzunehmen, dass sich fast jeder bewusst oder unbewusst damit beschäftigt, ist eine sehr originelle Idee. Wer sich so später für den Weg der Kampfkunst entschied, war bereits in gewisser Weise vorbereitet. Viele Autoren schreiben, Te sei ein unterentwickelterer Vorfahre des Tode gewesen. Dies hat sich mittlerweile als falsch erwiesen. Das Te existiert noch heute, galt jedoch einige Zeit für ausgestorben, so dass die Vermutung aufkeimen konnte, das Te wäre zum Tode geworden. Auch das Te ist mit den Kobudowaffen, insbesondere auch dem Schwert technisch verknüpft worden.  So haben sich auf Okinawa Te-basierte Kobudostile und Tode-basierte Kobudostile entwickelt. Das Te zeichnet sich im Gegensatz zum Tode durch weitläufige, kreisende Bewegungen aus während das Tode eher die direkte Linie sucht. Besonders die Motobu Familie hat zuletzt mit dem 1926 verstorbenen Famlienerben Motobu Choyu die Kunst des Te bewahrt. Nach Choyuns Tot hat Uehara Seikichi den Stil fortgeführt und etwa 1945 » Motobu-Ryu« benannt.


Das Shima-Ha Karate ist dem bekannten Matsubayashi Shorin-Ryu Karate ähnlich, hat aber eine ganz eigenständige Dynamik und ein eigenständiges Wesen entwickelt, unter anderem aus der Auseinandersetzung mit dem bis auf den bekannten Urvater des Karate, Tode Sakugawa (Sakugawa Satanushi 1733-1815) zurückgehenden Yamanni-Ryu. »Tode« als Namenszusatz bedeutet in seinem Fall, dass er sich auch durch sein Können im Tode, dem Vorläufer des Karate, einen Namen gemacht hatte. Matsumura Sokon (ca 1809-1898) war Tode Sakugawas berühmtester Schüler. Wir gehen davon aus, dass Tode Sakugawa natürlicher Weise bereits eine enge Verknüpfung von waffenlosem Kampfstil mit dem Langstock-Kampfstil hergestellt hat. Enstprechend ist das Yamanni-Ryu ein Tode-basierter Kobudostil. Das Shima-Ha Karate lässt sich den Shorin-Ryu Karatestilen zuordnen, mit der entsprechenden dynamischen Verknüpfung zum Yamanni-Ryu Kobudo.

Später mußte man das Tode dann in »Karate« umbennen, damit diese Kampfkunst um 1920 auch auf der Hauptinsel Japan anerkannt werden würde. Japan war zu dieser Zeit allem Chinesischen gegenüber negativ eingestellt und die okinawischen Meister (insbesondere Gichin Funakoshi) hätten arge Probleme gehabt, ihre Kampfkunst in Japan zu verbreiten.
Die Einteilung der Karatestile in Shorin-Ryu oder Shorei-Ryu ist eine Art erster klarer Trennung der beiden sich grundsätzlicher voneinander unterscheidenden okinawischen Karaterichtungen. Diese Zuordnung wurde vermutlich um 1900 geschaffen, um eine ganz grobe Einteilung vorzunehmen. Stile des Shorin-Ryu scheinen durch die Techniken der Samurai und der sogenannten »härteren« chinesischen Kampfstile beeinflusst, während Stile des Shorei-Ryu starke Einflüsse der »weicheren« chinesischen Kampfstile vermuten lassen. Das Shorin-Ryu umfasst das Karate aus den Städten Shuri und Tomari. Das Shorei-Ryu bezieht das Karate aus Naha aus dem die Goju-Ryu Karatestile hervorgegangen sind.

»Shorei- und Shorin-Ryu«

Stile des Shorin-Ryu gehen davon aus, dass der Gegner auch bewaffnet sein könnte und das man die eigenen Vitalpunkte möglichst immer schützen möchte. Der Körper soll sehr beweglich werden, damit Angriffe umgangen werden können. Daher sind z.B. auch frontale Körperhaltungen fremd, weil durch das Zurückhalten oder »Verbergen« einer Körperseite (Hanmi), der für den Gegner direkt zugängliche und sichtbare Körperbereich etwa um die Hälfte verringert wird. Abhärtung des Körpers ist den erwähnten Prinzipien untergeordnet, da man sich gegen Waffen wie Schwert oder Messer nicht abhärten kann. Das sehr bewegliche Shorin-Ryu wird somit von okinawischen Meistern (z.B. Gichin Funakoshi) Shorin-Ryu Merkmal: Sichtfeld des Gegners in eine vorteilhafte Position verlassen bei dessen Angriff. Dennoch nah dran bleiben.den eher kleineren, schlanken oder gar schmächtigen, aber naturgemäss wendigeren Personen empfohlen, während das mehr auf Abhärtung des Körpers ausgelegte Shorei-Ryu den kräftiger gebauten oder auch korpulenten Personen empfohlen wird. Dies soll hier nicht näher bewertet werden. Grundlage dieser Empfehlung ist der Umstand, dass im Karate jeder die Möglichkeit haben sollte, von Beginn an seine ihm angeborenen natürlichen Vorteile zu nutzen und dann durch das Training immer weiter zu verfeinern. Für eine schwere und grosse Person macht es daher mehr Sinn, eben diese Eigenschaften zu nutzen und auszubauen, als so beweglich und flink werden zu wollen, wie eine schmale und leichte Person. Dies bedeutet, dass der eine seinen Körper mehr abhärtet, da er davon ausgeht, evtl. getroffen zu werden, im selben Atemzug aber selbst »zupackt«, während der andere seine Körperdynamik dahin entwickelt, dem gegnerischen Angriff kein Ziel bietend zu umgehen und dabei selbst anzugreifen. Jeder kann anhand dieser Kriterien die für sich passende Grundausrichtung des Karate finden.

 

 

 



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